Törnbericht · 22. Juni 2025

Bornholm statt Baltikum

Geplant war Klaipėda in Litauen. Zwei Wochen, 400 Seemeilen, Kaliningrad als Zwischenstopp. Daraus wurde nichts. Ein Törn über Bornholm, Sturm auf der Rückreise und ein merkwürdiger letzter Abend auf der Ostsee.


Der Plan: Klaipėda in zwei Wochen

Das Ziel war Klaipėda — der einzige Seehafen Litauens, direkt an der Kurischen Nehrung. Zwei Wochen hatte ich dafür eingeplant. Zu wenig, wie sich herausstellen sollte.

Abfahrt in Burgtiefe, dann ein Zwischenstopp in Greifswald, wo die Sterna zwei Wochen am Steg gelegen hatte. Gleich zu Beginn: Sturm. Zwei Tage abgewettert in Greifswald, bevor es weitergehen konnte.


10. Juni: Greifswald — Swinemünde

Am 10. Juni endlich Wetterfenster. Von Greifswald nach Swinemünde geht es Richtung Norden — kein Gegenankreuzen. Um 16:00 Uhr lag der Ruden querab, die kleine unbewohnte Insel am Ausgang des Greifswalder Boddens.

Ruden querab, Abfahrt Greifswald Ruden querab, 10. Juni 2025, 16:00 Uhr

Um 20:00 Uhr Einlaufen in Swinemünde.

Einlaufen Swinemünde Einlaufen Swinemünde, 10. Juni 2025, 20:00 Uhr.


10.–11. Juni: Swinemünde — Entscheidung

In Swinemünde ein Blick auf die Wettervorhersage: völlige Flaute für die nächsten Tage. Kein Wind, kein Segeln. Ich hatte gehofft in einem Rutsch bis Utska zu kommen, aber 100sm unter Maschine? 24h land? Insgesamt 200sm bis Danzig. Nein, das wollte ich nicht.

SY Sterna in Swinemünde SY Sterna in Swinemünde, 11. Juni 2025.

Dazu: nach der langen Winterpause noch nicht richtig eingespielt, die zwei Sturmtage in Greifswald hatten das Zeitfenster bereits aufgefressen. Zwei Nachtfahrten Richtung Danzig, das war nicht realistisch.

Kaliningrad hatte ich als Zwischenstopp geplant — das Visum war wohl organisiert, aber der einzige Kontakt für die Marine war eine Telefonnummer, die nicht funktionierte. Man legte sofort auf. Keine aktuellen Karten, kein Liegeplatz gesichert. Das Projekt war von Anfang an fragwürdig.

Die Entscheidung fiel in Swinemünde: Das Baltikum wird dieses Jahr nichts. Stattdessen Bornholm — schon im Vorjahr war der Versuch gescheitert.


12.–13. Juni: Überfahrt nach Bornholm — 77 Seemeilen unter Motor

Abfahrt in der Nacht vom 12. Juni. Wie vorhergesagt: völlige Flaute. 77 Seemeilen, durchgehend unter Motor, mit Aussicht auf rund 17 Stunden Fahrt. Kein Segeln, kein Wind. Ein langer, ermüdender Tag auf dem Wasser.

GPS-Track Swinemünde–Bornholm GPS-Track der Überfahrt: Swinemünde (1) → Snogebæk/Bornholm (2), 12.–13. Juni 2025 — 77 Seemeilen unter Motor.

Spät abends des 13. Juni Bornholm in Sicht. In einem unbekannten Hafen bei Nacht einzulaufen kam nicht in Frage. Anker in der Bucht von Snogebæk an der Südostküste. Die Sonne versank genau hinter der Insel.

Sonnenuntergang Snogebæk Snogebæk, 13. Juni 2025 — Anker liegt.


14.–15. Juni: Bornholm

Am Morgen des 14. Juni weiter nach Rønne. Sportboote liegen im nördlichen Becken Nørrekås.

Sterna in Nørrekås, Rønne SY Sterna in Nørrekås, Rønne, 14. Juni 2025.

Am 15. Juni Rønne zu Fuß erkundet. Die Altstadt, der Leuchtturm und ein bischen in die Umgebung, etwas Grün sehen.

Leuchtturm Rønne Leuchtturm Rønne.

Hafen Rønne Panorama Blick vom Leuchtturm über den Hafen — rechts die Bornholmslinjen-Fähre.

Die Wettervorhersage für die Rückreise: starker Wind aus West. Bornholm nach Fehmarn bedeutet Westkurs — direkt gegen den Wind. Das Zeitfenster für die Heimreise schloss sich.

Entscheidung: Abfahrt in der Nacht vom 15. auf den 16. Juni.


16.–17. Juni: Rückreise

Für diese Etappe gibt es keine Fotos.

Der Rückweg über Schweden war wegen des Winds nicht möglich. Auch Rügen direkt war nicht zu halten. Der einzig segelbare Kurs führte zurück Richtung Swinemünde.

Im Verkehrstrennungsgebiet Adlergrund — 25 bis 30 Knoten — riss die Rollleine der Genua. Die Genua schoss aus der Rollreffanlage, die Sterna lag vorher bereits gefühlt auf der Seite, mitten im Schiffsverkehr, allein an Bord. Too much. Was mache ich hier, gehöre ich hierher?

Eingepickt auf allen vieren nach vorne, mit Zange und Messer die Rollleine aus der Rollanlage gefummelt, die gerissenen Enden zusammengeknotet — das Vorsegel ließ sich wieder einrollen. Es hat funktioniert.

Gerissene Rollleine Die gerissene Rollleine — fotografiert am nächsten Morgen in Glowe.

Danach Kurs Sassnitz, dann mit Maschine und Großsegel weiter Richtung Rügen. Nach 17 Stunden Glowe erreicht.


17.–18. Juni: Glowe

Das Einlaufen in Glowe ist anspruchsvoll: Untiefen überall, enge Fahrrinne, als Einhandsegler ständig auf die Karte schauen. Dazu der anhaltende Wind.

Im Hafen lag ein Seenotkreuzer, der Vorbereich war eng. Zwei Segler am Steg haben die Situation erkannt, gewartet und beim Festmachen geholfen. Das war viel wert.

Im Cockpit hatte ich mich mehr als einmal gefragt, was ich hier eigentlich mache. Es war kein Spaß mehr. Ich beschloß, dass die nächste Saison ganz anders geplant werden muss. Definitiv ohne Strecke machen.

Einen Tag in Glowe geblieben. Keine Fotos — ich war froh, einfach nur fest zu liegen.


18.–19. Juni: Kap Arkona und Gänsewerder

Am 18. Juni weiter. Zuerst um Kap Arkona, den nördlichsten Punkt Rügens.

Kap Arkona Kap Arkona, 18. Juni 2025, 07:42 Uhr.

Dann durch den Schaproder Bodden nach Hiddensee, Anker am Gänsewerder — eine flache Sandbank östlich der Landzunge Der Gellen, überraschend ruhig trotz der exponierten Lage. Die Landschaft hier ist traumhaft schön. Schmales Fahrwasser, links und rechts überall Flachwasser. Die Vögel stehen im Wasser.

Zwei Tage dort festgelegen — 19. und 20. Juni. Über 30 Knoten an der Westseite von Hiddensee. Kein Weiterkommen. Ich wollte eigentlich noch am 19. Juni abends starten und über Nacht nach Fehmarn fahren. Hatte aber überhaupt nicht bedacht, dass die Fahrwasserbetonnung gar nicht beleuchtet ist. Also Wecker gestellt, und ab halb drei auf das erste Licht gewartet…


20. Juni: Heimreise

02:55 Uhr, Anker auf. Ruhiges Wasser, die Sonne schon wieder über dem Horizont.

Sonnenaufgang am Gänsewerder, Aufbruch Aufbruch vom Gänsewerder, 20. Juni 2025, 02:55 Uhr.

Auf dem Weg nach Fehmarn eine merkwürdige Begegnung: Auf dem Kartenplotter tauchte SY STERNA auf — ein anderes Schiff mit demselben Namen, das mich von hinten überholte. Kurz hatte ich gedacht, das Gerät sei defekt.

Zwei mal SY Sterna auf dem Plotter B&G-Kartenplotter, 14:56 Uhr — mein Boot ist das kleine Symbol in der Mitte. „SY STERNA” oben links ist die andere.

Vor Fehmarn noch Fährenverkehr — im Bereich der Kadetrinne kreuzen die großen Fähren den Kurs, das erfordert Aufmerksamkeit.

Fähre querab Fähre auf dem Weg nach Rostock, 20. Juni 2025.

Am späten Nachmittag dann Fehmarn am Horizont. Das Wasser spiegelglatt, kein Wind, keine Strömung. Von der Insel her ein dumpfes Wummern — das Bullifest. Eine Riesenparty, und der Bass war quer über die Ostsee zu hören.

Fehmarn am Horizont Fehmarn am Horizont, 20. Juni 2025, 18:52 Uhr.


22. Juni: Burgtiefe

Am 22. Juni war die Sterna wieder in Burgtiefe.

Sterna in Burgtiefe SY Sterna zurück in Burgtiefe, 22. Juni 2025.


Fazit

Das Baltikum hat dieses Jahr nicht geklappt. Zu wenig Zeit, miserable Planung, zu viel Wind am Anfang, dann tagelange Flaute — und irgendwann war klar, dass Klaipėda nicht mehr erreichbar war. Bornholm war ein Kompromiss, und auch der war nicht einfach: ein Tag auf der Insel, die Rückfahrt im Sturm, die Rollleine gerissen im Verkehrstrennungsgebiet. In Glowe war ich froh, einfach nur festzumachen.

Den letzten Abend auf der Ostsee werde ich nicht vergessen. Fehmarn am Horizont, das Wasser spiegelglatt, kein Wind. Und von der Insel herüber das dumpfe Wummern des Bullifests. Ein merkwürdiger Abschluss für einen merkwürdigen Törn.

Klaipėda wartet noch.

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